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Musikkritik zum Weihnachtskonzert (Isabel Grimm-Stadelmann)



München: Griechisch-Orthodoxe Allerheiligenkirche, 23.11. 2019 „Konzert des byzantinischen Kantorenchores“

„Muttergottes und Weihnachtszeit: eine musikalische Wanderung“


Der Byzantinische Kantorenchor in der Griechisch-Orthodoxen Allerheiligenkirche zu München. Abbildungen ( © Vasilios Vletsis)

Zu einem ganz außergewöhnlichen vorweihnachtlichem Konzert hat an diesem Abend der Verein für Byzantinische Musik München e.V. in die Griechisch-Orthodoxe Allerheiligenkirche (Ungererstraße 131) eingeladen: der seit 2003 bestehende Byzantinische Kantorenchor, der sich aus Mitgliedern des Instituts für Orthodoxe Theologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrenden und Studierenden gleichermaßen, zusammensetzt, gestaltete einen inspirierenden vorweihnachtlichen Konzertabend, der ganz im Zeichen der traditionellen byzantinischen Musik stand. Der Byzantinische Kantorenchor unter Leitung seines Gründers, Prof. Dr. Konstantin Nikolakopoulos veranschaulichte in tief berührender Weise die Verankerung der traditionellen byzantinischen Musik in der orthodoxen Liturgie und damit insgesamt im kulturellen Leben der Ostkirche; zugleich ist sie aber auch typisch-unverwechselbarer Bestandteil der griechischen Volkstradition. Das stimmungsvolle Ambiente der wunderschön restaurierten Allerheiligenkirche und die herzliche Gastfreundschaft der beiden Priester Vater Georgios Siomos und Vater Georgios Vletsis, beide ebenfalls Chormitglieder, hatten wesentlichen Anteil an der Gestaltung eines unvergesslichen Konzertabends.
Chorleiter Konstantin Nikolakopoulos, ein international anerkannter Spezialist für orthodoxe Kirchenmusik, der sich bereits in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen mit diesem Sujet auseinandergesetzt hat, eröffnete den Konzertabend mit einer konzisen und gehaltvollen Einführung (in griechischer und deutscher Sprache) in die traditionelle byzantinische Musik, deren liturgische Verankerung und ihrem formalen Aufbau. Er erläuterte dabei die Ursprünge dieser Musik als Bestandteil des liturgischen Lebens im oströmischen Reich sowie die Entstehung einer bis heute nahezu unverändert gültigen schriftlichen Notation im 9. und 10. Jahrhundert. Vergleichbar der westlichen Gregorianik ist die liturgische byzantinische Musik eine reine Vokalmusik, da die menschliche Stimme innerhalb der orthodoxen Tradition als reinstes und vollkommenstes Instrument Gottes Wort zum Ausdruck zu bringen vermag. Ein wesentlicher Unterschied zur westlichen Kirchenmusik ist demnach nicht nur der Verzicht auf begleitende Instrumente – so hat beispielsweise die Orgel keinen Platz in der byzantinischen Liturgie, sondern ist ausschließlich dem Hofzeremoniell vorbehalten –, sondern ebenso auch die Einstimmigkeit der byzantinischen Musik, die sich damit ganz deutlich von der westlichen Polyphonie unterscheidet. Die byzantinische Psalmodie wird ausschließlich von einem Grundton, dem „Isokratema“, getragen, wodurch mitunter der Eindruck von Mehrstimmigkeit entsteht. Die byzantinische Kirchenmusik dient der Vermittlung des Wortes Gottes und lebt demnach von der präzisen Betonung und exakten Hervorhebung der einzelnen Worte des jeweiligen Hymnus, als Ausdruck deren singulärer Spiritualität.
Im orthodoxen Kirchenjahr mit seinen zahlreichen Festen spielt die Weihnachtszeit eine zentrale Rolle. Die Vorweihnachtszeit, vergleichbar der westlichen Adventszeit, ist in der Ostkirche geprägt von der am 15. November beginnenden und bis 24. Dezember dauernden Philippos-Fastenzeit, in der am 21. November mit „Mariä Tempelgang“ eines der bedeutendsten Feste der orthodoxen Kirche gefeiert wird.. Diesem Marienfest, der liturgischen Eröffnung der Vorweihnachtszeit, war der erste Teil des Konzerts gewidmet, der mit einem Apolytikion, diversen Psalmen sowie einem abschließenden Kontakion nicht nur einen hervorragenden Einblick in die liturgische Themenvielfalt dieses Marienfestes bot, sondern gleichermaßen den musikalischen Reichtum, die komplexe Melodik und die einprägsam-lebendige Form, dem Wort Stimme zu verleihen, veranschaulichte: eine eindrucksvolle Verschmelzung von Wort und Ton zu einer spirituellen Einheit. Im zweiten Teil des Konzerts wurden zentrale Hymnen vorgestellt, die normalerweise nur ein einziges Mal innerhalb des Kirchenjahres, nämlich ausschließlich am 25. Dezember, während des feierlichen Gottesdienstes zur Geburt Christi, vorgetragen werden. Die Auswahl der einzelnen Hymnen folgt dem liturgischen Aufbau des Festgottesdienstes und wurde von den Hirmoi des Kanons von Kosmas Maiouma in neun Einzeloden bekrönt. Der Vortrag sämtlicher Hymnen erfolgte selbstverständlich in griechischer Sprache, doch ermöglichte das wohldurchdachte und liebevoll gestaltete Programmheft ein Nachvollziehen sämtlicher Hymnentexte in hervorragender deutscher Übersetzung. Dies ist durchaus erwähnenswert, da es zeigt, dass nicht nur dem Byzantinischen Kantorenchor, sondern auch den Vertretern der Griechisch-Orthodoxen Allerheiligenkirche sehr an einem transkulturell gemischten Publikum und Interessentenkreis gelegen ist, und der bis zum letzten Platz ausgefüllte Kirchenraum bestätigte nachdrücklich den Erfolg dieser schönen Idee. Glanzvoller und gleichzeitig sehr berührender Abschluss des Konzertes war der kraftvolle Vortrag eines Marienhymnus durch den noch in Konstantinopel geborenen, äußerst vitalen und bewundernswert polyglotten Doyen der byzantinischen liturgischen Musik, Vater Ploutarchos Kostantinidis, der mit seinen mittlerweile 90 Jahren nach wie vor die Münchner Griechisch-Orthodoxe Allerheiligenkirche und ihre Gemeinde, den Verein für Byzantinische Musik München e.V. sowie den Byzantinischen Kantorenchor tatkräftig unterstützt.

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